Da verließen sie ihn


Neulich im Supermarkt. Eine Kundin zählt an der Kasse ihr Kleingeld ab: „Sechzig, siebzig, achtzig …“ Sie schüttelt den Kopf und seufzt: „Da verließen sie mich!“ Die Kassiererin erwidert mit einem Schmunzeln: „Sie meinen: ihn!“ Die Kundin blickt irritiert von ihrem Portemonnaie auf: „Wie bitte? Wen meinen Sie?“ – „Ich meine: Da verließen sie ihn! So sagt man doch.“ – „Ach ja? Na, soll mir recht sein, dann fragen Sie doch diesen Wen-auch-immer, ob er noch zehn Cent für mich übrig hat!“

Bastian Sick ist freischaffender Journalist und Autor.
Die Worte „Da verließen sie ihn“ hat vermutlich jeder schon einmal gebraucht, denn sie lassen sich auf zahllose Situationen anwenden. Es können die Cent-Stücke sein, die einem ausgegangen sind, es kann die Mobilfunkverbindung sein, die plötzlich abreißt und ein Gespräch abbrechen lässt, oder es ist die Flasche Wein, die eben noch fast voll war und auf einmal nur noch einen kläglichen Rest hergibt. Oft ist es auch einfach nur unser Gedächtnis, das uns gerade mal wieder im Stich gelassen hat. Da versucht man, die Mitschüler auf einem alten Klassenfoto zu benennen: „Klaus, Anke, Matthias, Thomas, Gabi, der andere Matthias, Andreas, Stefan …“ und beim Nächsten, dessen Namen einem partout nicht mehr einfallen will, stellt man resigniert fest: „Tja, und dann verließen sie ihn.“

Jesus bleibt allein zurück
Die Kundin an der Kasse hätte es vielleicht erstaunt zu erfahren, dass diese Redewendung aus der Bibel stammt. Das Im-Stich-gelassen-Werden ist ein bedeutsames Thema im Neuen Testament. Und der ominöse „ihn“, der da verlassen wird, ist kein Geringerer als Jesus selbst. Der Evangelist Matthäus beschreibt in Kapitel 26 den Verrat Judas’ und die Gefangennahme Jesu in Gethsemane. Judas geht auf Jesus zu und küsst ihn, womit er den bewaffneten Schergen der Hohepriester das verabredete Zeichen gibt. Jesus wird umstellt und ergriffen. Die Jünger verlässt daraufhin der Mut, und so heißt es in Vers 56: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“ Den gleichen Wortlaut – leicht verkürzt – findet man auch bei Markus, Kapitel 14, Vers 50: „Da verließen ihn alle und flohen.“ Der Volksmund machte daraus „Da verließen sie ihn“.

Auch wenn die Bibelstelle zutiefst bedrückend ist, so verwenden wir diese Worte heute meistens scherzhaft. Das ist jedoch kein Frevel, sondern nur ein Beweis dafür, dass die Bibel auch fast 500 Jahre nach ihrer Übersetzung durch Martin Luther ein unverbrüchlicher Teil unseres Alltags, unseres Denkens und unserer Sprache ist.

BASTIAN SICK

(aus: pro 5/2018, S. 45)


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